Der 10. April ist heute!

Ich habe vor einigen Tagen einen Brief erhalten. Ich nehme ihn noch mal aus dem Umschlag und lese ihn mir durch. Ich lese ihn mir sehr langsam durch.

Hallo lieber Nils!

Wir hoffen, dass es Dir gut geht, was wir auch von uns behaupten können.Wie wir im Computer gelesen haben, macht Dir ja die Arbeit Spass, und dein Urlaub wäre toll gewesen, und hättest sehr viel gesehen. Leider können wir Dich nicht besuchen, es ist zu weit weg, aber in einem 1/2 Jahr bist du ja wieder zuhause, worauf wir uns freuen. Habe schöne vegetarische Rezepte gesammelt, was Dir bestimmt gut schmeckt. Wir legen Dir eine Kleinigkeit in den Brief, kaufe Dir was schönes.

Ganz liebe Grüsse senden Dir

Oma u. Opa

 

P.S. Hallo Nils! Lass wieder mal von Dir hören, ich nehme an, dass es Dir gut geht

Dein Opa

 

P.S. Hätten uns über eine Karte gefreut!

 

Nachdem ich den Brief nun zum zweiten Mal durchgelesen habe, fühle ich mich noch schlechter als nach dem ersten Lesen vor ein paar Tagen. Da sind zwei Menschen, die ich sehr gut kenne. Sie sind ganz weit weg. Wenn ich mich sofort losmachen würde und den nächsten Flug Richtung Deutschland nähme, könnte ich sie vielleicht binnen eines Tages  in meine Arme schließen. Wahrscheinlich würde sich diese Szene in ihrem Esszimmer abspielen. Es ist der Ort, an dem ich mit ihnen am meisten Zeit verbracht habe. Bevor ich nach Mexiko aufgebrochen bin, habe ich dort fast jeden Mittwoch und Freitag in den letzten zwei Jahren zu Mittag gegessen. Jetzt gehe ich nicht mehr jeden Mittwoch und Freitag in dieses Zimmer. Mittwochs gehe ich mit meinen Arbeitskollegen essen und Freitagmittag koche ich mir in der Regel selbst etwas. Das Essen ist selten so gut wie bei Oma. Auch bei meinen raren Besuchen außerhalb der Essenszeit habe ich meistens mit ihnen im Esszimmer gesessen. Wir waren bei unseren Esstischdiskussionen selten einer Meinung. Also ich und Oma. Opa hat sich meistens diplomatisch aus den pikanten Diskussionen herausgehalten. Er mag sowieso lieber die Süßspeisen. Ich habe mich während der Essenszeit oft als Delegierter des Vegetarierbundes im Esszimmerparlament aufgespielt. Oma hat mir immer ein vegetarisches Gericht gemacht, wenn ich kam, auch wenn die Beiden oft etwas Fleisch auf dem Teller hatten.  Jetzt habe ich den Brief in der Hand und ich weiß, wo er geschrieben wurde.

Nicht, dass es schon traurig genug ist, dass ich so lange Zeit nicht mehr mit meinem Opa, den alle nur HG nennen, und Rosel im Esszimmer gesessen habe, ich habe es nicht einmal geschafft, ihnen eine Karte zukommen zu lassen. Außerdem habe ich seit 5 Monaten keinen Blog mehr geschrieben. Mexiko ist sehr weit weg für meine Großeltern. Soweit weg, dass sie mich leider nicht besuchen können. Gestern hatte meine Mama Geburtstag und ich habe sie angerufen. Dabei konnte ich auch kurz mit Opa und Oma sprechen. Sie haben sich sehr darüber gefreut. Vielleicht sogar noch mehr als meine Mama.

Während ich nach Lesen des Briefes in ein paar Erinnerungen schwelge, fällt mir noch ein, dass ja heute der 10.April ist. Es ist der Geburtstag meiner Oma. Er ist wie jedes Jahr einen Tag nach dem Geburtstag  meiner Mutter. Er ist also keine Überraschung, mit Blick auf die Uhr ist es eher ein böses Erwachen für mich. Es ist 3 Uhr. Mit 7 Stunden Zeitverzug ist es in  Deutschland jetzt 22 Uhr. Meine Oma schläft vermutlich schon.

Ich habe es nicht geschafft, ihr an diesem Tag zu gratulieren und ihr einfach kurz etwas zu erzählen.Wenn ich jetzt hier schreibe:”Alles Gute zum Geburtstag Oma!”,macht es das nicht besser.

Der 10. April ist also heute. Der Tag, an dem meine Oma Geburtstag hat und an dem ich ihr einen Brief schreiben werde.

Bis bald!

Nils

 

 

 

VI Der 9. November ist heute

Es ist jetzt etwas mehr als 2 Monate her, als ich den Sprung aus meinem Aquarium gewagt habe. Ich musste mir in diesem trüben Teich von fleischfressenden Fischen meine Wege zunächst suchen.

Vegetarische Ernährung traf auf Tacos und Chorizos, rudimentäres Spanisch auf Schnellsprechweltmeister, die kleine Kröte auf den weißen Hai. Mit meiner mehr als weißen Haut und der straßenköterblonden Matte falle ich auf. Stehe unter Beobachtung. Nicht nur von den geneigten HerpetologInnen (FroschforscherInnen stehen hier für meine Organisation) und IchthyologInnen (FischforscherInnen entsprechen meinen Freunden und der Familie) werde ich genaustens unter die Lupe genommen, sondern auch von den MexikanerInnen. Ich habe mich davon nicht aus der Ruhr bringen lassen und konnte indes das ein oder andere vegetarische Resturant und Geschäft ausfindig machen, mein Spanisch hat sich von rudimentär zu gebrochen entwickelt und insgesamt kann ich sagen, dass das Bild der kleinen Kröte und dem weißen Hai sich etwas abgefärbt hat.
Erste existentielle Krisen wurden überwunden, Schritte in Richtung der Sonne gemacht. Aus dem negativ wurde sepia. Alles erscheint klarer als noch im letzten Jahr. Endlich nie mehr Februar.

Wir schreiben den neunten November. Während Deutschland schon mitten im Herbst steckt, glaube ich immermehr, dass diese Stadt das perfekte Klima für uns Menschen bereithält. Das Thermometer zeigt noch immer Werte zwischen 20 und 30 Grad an. Der heutige Tag stellt für mich etwas besonderes dar. Ich bin nach meinem Umzug zum 1. November (Dazu im nächsten Blog mehr) in meiner neuen Wohnung angekommen. Nach dem ich meine Sachen hier her transportiert und das Zimmer gestrichen habe, fand ich heute Zeit, Lebensmittel einzukaufen und somit auch im Kühlschrank mein Revier zu markieren. Ein bisschen Gemüse und Yoghurt machen den Tag aber nicht zu einem besonderen. Heute war die letzte Stunde des ersten insgesamt 30 stündigen Deutschkurses mit Amnesty International.
Ökonomisch betrachtet, ist es ein Fundraising Projekt, um ein paar Pesos zu generieren. Wir nutzen meine Erfahrung als Deutschlehrer für AsylbewerberInnen und ich versuche meinen SchülerInnen die Sprache möglichst schmackhaft zu vermitteln. So die Idee.

Wir rühren also kräftig die Werbetrommel und Los geht es.

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Ich sammle währenddessen die Materialien, konzipiere den Unterricht. Einiges habe ich mitgebracht anderes beschaffe ich mir Vorort. Ich habe etwas Bammel, weil ich das Spanische nicht perfekt behersche. Zwar konnte ich bei der Arbeit mit den AsylbewerberInnen auch nicht auf deren Muttersprache zurückgreifen, falls es bei einem Thema gehakt hat, aber ich denke mir andererseits, dass meine zukünftigen SchülerInnen es erwarten, da sie schließlich für den Unterricht bezahlen. Zunächst kann ich mir diese Schweißperle aber von der Stirn wischen, da mir Anna zu Beginn assistieren wird. Puh. Danach werden mich meine Improvisations- und Vermittlungsfähigkeiten gepaart mit einer guten Vorbereitung der Stunden schon über Wasser halten. Kröte…

Jetzt bleibt noch die Frage: Kommen überhaupt welche?
Viele erkundigen sich per E-Mail, fragen nach und bekunden Interesse. “Coole Sache” und “Ich will mitmachen” lauten die Strophen des Kanons, der durch meine Ohren schallt. Der ein oder andere Domsingknabe singt das Lied mit Überzeugung, der große Chor auf der Empore trällert es jedoch nur so vor sich hin.
Wir werden abwarten müssen, wie viele es denn tatsächlich sein werden. Das klingt doch komisch oder? Gibt es keine verbindliche Liste oder Anmeldung? Nein. Wer kommt, der kommt.
Hier lässt sich meiner Ansicht nach ein Unterschied in der Handhabung von diversen Sachverhalten zwischen “den Deutschen” und “den Mexikanern” zeigen. Während mir die Menschen hier etwas spontaner erscheinen, schneller eine Entscheidung  treffen, bräuchte “der Deutsche” wohl etwas mehr Anlaufzeit. Der Dieselmotor muss erst warm werden. Schließlich treffen beide eine Entscheidung, wobei ich glaube, dass “der Deutsche” mir diese wiederum expliziter und direkter mitteilt. “Der Mexikaner” redet, auf Mundart ausgedrückt, etwas um den heißen Brei herum. In meinen Vorbereitungsseminar habe ich dazu den Begriff High-Context aufgeschnappt. Ich habe mal ein bisschen in den Büchern geblättert und offensichtlich bezog sich der Referent bei seinem Vortrag auf den amerikanischen Anthropologen Edward T. Hall.
Hall brachte 1976 das Buch “Beyond Culture” heraus in dem er kulturelle Unterschiede zwischen Formen beziehungsweise der Art und Weise von alltäglichen Konversationen herausarbeitet. Er trägt in diesem Buch folgende Kulturdimension vor:

High bzw. low context bezeichnen Konzepte zur Informationsgewinnung bzw. Informationsverarbeitung und dazu notwendiger Vernetzung. Dabei geht es weniger um hohen oder niedrigen Kontext als vielmehr um starken oder schwachen Kontextbezug bei der Kommunikation. In „high context“-Kulturen ist es weniger üblich, die Dinge direkt beim Namen zu nennen. Ihre Bekanntheit wird implizit vorausgesetzt und das Erwähnen zahlreicher Details kann als negativ empfunden werden. Der Gesichtsausdruck der Gesprächspartner, Anspielungen, die Umstände der Begegnung und viele weitere Kontextfaktoren sind eigene, nicht zu unterschätzende Informationsträger.

Kulturen mit starkem Kontextbezug finden sich in Ländern Südeuropas (Spanien, Frankreich), vielen asiatischen (China, Japan) und afrikanischen Ländern sowie in Lateinamerika und somit auch in Mexiko.

In Kulturen mit schwachem Kontextbezug erwartet man nicht, dass der Großteil der Informationen bereits bekannt oder ohne sprachlichen Ausdruck erkennbar ist. Hier wird alles beim Namen genannt, man wirkt direkter und fühlt sich verpflichtet, dem Gegenüber möglichst präzise Angaben zu machen. So genannte „low-context“-Kulturen sind etwa die USA, Kanada, skandinavische Länder, die Beneluxländer, Großbritannien und Deutschland.

Auch wenn ich die Abgrenzung von Kulturen und die Verpauschalisierungen, die mit dem Begriff einhergehen, eher kritisch betrachte, kann ich dem guten Herrn Hall nicht vollends widersprechen. Es scheint mir ein bisschen was dran zu sein an dieser Sache. Auch wenn das Modell, die Komplexität und Diversität innerhalb von Kulturen nicht abbilden kann, dient es doch meiner Ansicht nach dazu “den Mexikaner” besser zu verstehen.

“Genug der Klugscheißerei Nils! Wie viele sind denn nun gekommen?”
Achja stimmt, das wollte ich ja eigentlich sagen.

V  I  E  R

Tja.
Ist jetzt nicht so dolle.
Seien wir ehrlich ich habe mir etwas anderes erwartet. Mein Chef auch.
Wir hatten gesagt maximal zwölf, falls sie uns die Bude einrennen sollten. Zweistellig wäre traumhaft. Aber wir peilten eigentlich das Doppelte an. Acht wären super gewesen. Ich war ein bisschen enttäuscht und auch die stereotypische Unpünktlichkeit der Mexikaner, mit der ich mich zunächst trösten konnte, änderte nichts an der Ernüchterung. Es werden heute nicht mehr kommen, war mir spätestens nach einer halben Stunde klar. Solange dauerte der spanische Teil der Veranstaltung. Barrio machte eine Einführung, erzählte etwas zur Organisation und zum Programm und wir fragten nach den Beweggründen. Also los.
Mit vier Mann. Genauer gesagt mit 1 Frau und 3 Männern.
Ich habe mal in einem Interview des Frontmannes einer bekannten deutschen Band gelesen, dass er und seine Jungs anfangs vor 7/8 Leuten aufgetreten sind. Sie waren auch immer wieder enttäuscht von der Zahl, aber sagten sich, dass selbst wenn nur ein Fan komme. Sie für diesen einen Fan die Bühne einreißen würden. Vielleicht hat dieser eine Fan ja ein paar Freunde…
Ich dachte für ein paar Sekunden an dieses Interview. Ein Lächeln. Etwas verträumt registrierte ich, dass man auf mich wartete und ich lieber loslegen sollte. Konzentration.

Am Ende der Stunde hatten die Leute Lust die Sprache zu lernen und offensichtlich auch ein paar Freunde. In der nächsten Stunde rockten wir vor vollen Rängen. Neun.
Zwei verabschiedeten sich  wieder und die Zahl stabilisierte sich schließlich. Sieben. Ordentlich. Damit können wir zwar keine Arenen füllen, aber für unseren Klassenraum reicht es aus.

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Die Leute hatten Spass und lernten Stück für Stück. Es ist immer wieder schön, diesen Prozess zu beobachten. Ich habe das Gefühl, dass ich doch tatsächlich jemandem mit etwas helfen konnte. Das Gefühl, gebraucht zu werden, wichtig zu sein. Ich denke, dass es sehr wichtig ist für die eigene Motivation, den eigenen Antrieb.
Konjugationen, Artikel, Zahlen und Adjektive sind trocken. Grammatik ist trocken. Deswegen versuche ich und Anna den Lernprozess mit Spielen, Einheiten zur Kultur und Geschichte sowie “außerschulischen Aktivitäten” zu unterstützen.
Zum Beispiel treffen wir uns zum Abschluss des Kurses am kommenden Montag bei Anna, machen zusammen Käsespätzle und schauen “Das Wunder von Bern”. Die sieben sind sehr nett. Einer dieser sieben ist inzwischen ein sehr guter Freund. Er hat mir bereits nach der 2.Stunde sein brandneues Mountainbike ausgeliehen, mir meine neue Wohnung vermittelt und mich zu dem größten Kulturfestival Mexikos in die wunderschöne Stadt Guanajuato eingeladen. Wir fuhren am Tag nach dem Hurrikan, suchten uns spontan eine Bleibe und genossen die Atmosphaere. Es folgen ein paar Impressionen aus der malerischen Kolonialstadt.DSCN0336Mit der Hilfe dieser Zettel, die ueberall in der Stadt an Fassaden und Toren hingen, konnten wir schliesslich nach mehreren Stunden des Suchens eine Bleibe in einem Privathaus finden.

DSCN0362DSCN0364DSCN0375DSCN0383DSCN0403DSCN0404Falls du dich fragen solltest, warum ich ein Bild von einem Balkon und einem sich kuessenden Paar unpassender Weise hier veroeffentliche, moechte ich anmerken, dass es sich hier um die Gasse des Kusses handelt, die ueber die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist.

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Zurück zum Thema. Es war also die letzte Stunde. Neben der Wiederholung der Steigerung von Adjektiven und organisatorischen Dingen zu dem Folgekurs wollten wir den geschichtsträchtigen Tag, den 9. November, nicht einfach passieren lassen. Ich suchte also nach ein paar Materialien. Vielleicht ein Video. Ja das könnte passen. Zunächst lasen wir zusammen einen Text, der die wichtigsten Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, die an diesem Datum passierten, auflistet.

1918 – Das Ende der Monarchie und die Ausrufung der Republik durch Phillip Scheidemann
1923 – Hitlerputsch in München
1938 – Die Novemberpogrome oder auch “Reichskristallnacht”
1989 – Der Fall der Berliner Mauer und das Ende der deutschen Teilung

Die Wende haben wir bereits thematisiert. Also legen wir den Fokus auf einen der dunkelsten Tage der deutschen Geschichte. Vor 77 Jahren passierte Schreckliches in ganz Deutschland. Die Juden bekamen den “Volkszorn” zu spüren, so das Vokabularium der NS-Führungsriege. Steine flogen durch die Schaufenster jüdischer Geschäfte. Plünderungen. Aufruf zum Boykott. Verschleppungen. Ermordungen. Hinrichtungen. Diskrimination beschreibt nicht einmal im Ansatz, was in dieser Nacht passiert ist.
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Die Frage der Schuld wurde schon oft gestellt. Einige verdrehen jetzt wahrscheinlich die Augen. Was können wir dafür, was die Generation unserer Groß- und Urgroßeltern verbockt hat. Kollektivschuld? Gibt es so etwas?
Wer ist das Kollektiv? Bin ich Schuld, wenn meine Vorfahren teilgenommen haben, wenn sie nicht partizipiert haben, wenn nur ein Teil mitgemacht hat? Oder bin ich Schuld, weil ich Deutscher bin? Wenn ja, was bedeutet Deutscher? Brauche ich einen deutschen Pass um verantwortlich zu sein? Ich bin aus dem Iran, habe ich eine Schuld, weil ich einen deutschen Pass habe? Muss man gar Schuld am Holocaust tragen, um Deutscher zu sein?

Ob deutschen Pass, einen anderen oder keinen Pass, was deutlich wichtiger ist als in dem System von schuldig und unschuldig zu denken ist sich über die  Verantwortung bewusst zu werden. Egal ob ich mich verantwortlich fühle, für das, was passiert ist, trage ich eine Verantwortung. Ich trage die Verantwortung meinen Mund aufzumachen, meine Stimme zu erheben und zu etwas zu sagen.
Was zu sagen?
Ich zitiere “den verschwiegenen Menschen” im folgenden falsch, um in der Thematik des Antisemitismus zu bleiben. Falls es dich interessiert, wie das Zitat wirklich lautet, verweise ich auf : http://www.martin-niemoeller-stiftung.de/4/daszitat/a46

“Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.”

Martin Niemöller

Antisemitismus, Rassismus und jegliche andere Arten der Diskriminierung, ob situativ oder strukturell, verletzen Menschen. Immernoch. In Deutschland und in der Welt. Minderheiten werden nach wie vor an den Rand gedrängt. Ob Sinti und Roma, Indigene oder Flüchtlinge. Der 9. November ist heute. Und an jedem anderen Tag. Menschenrechtsverletzungen sind nach wie vor an der Tagesordnung. Im Großen wie im Kleinen.

Wir sind alle Menschen.
Deswegen haben wir haben eine Verantwortung. Ob Deutscher oder nicht, das spielt keine Rolle.
Erheb deine Stimme!

Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die kleine Dinge tun, können die Welt verändern.

Eduardo Galeano

i Hasta luego !

Nilsiboy

V Einfach Schwimmen!

Ich habe im Moment viel zu tun und auf mich prasseln unheimlich viele Eindrücke ein. Heute ist es ein Hurrikan. Der stärkste Hurrikan seit dem Beginn der Aufzeichnungen. Eigentlich wollte ich dieses Wochenende mit einem Freund auf das größte Festival Mexikos in Lèon fahren. Ich entschied mich aus Sicherheitsgründen den Freitag abzuwarten. Somit hatte ich endlich etwas Zeit, um in die Tasten zu hauen und einen neuen Beitrag für den Blog zu verfasssen. Bisher regnet es in Guadalajara lediglich. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich die Situartion entwickelt. Mein Thema soll aber nicht der Hurrikan sein. Ich möchte euch von meinem Roadtrip nach Monterrey erzählen und welche Rolle dabei eine gewisse Liste gespielt hat. Ich spanne den Bogen bis dahin sehr weit. Sei nicht verwundert, dass es zunächst um die Arbeit geht.

Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, in Schulen, Universitäten und bei größeren Festivitäten in der Umgebung Menschen ihre Rechte, die Menschenrechte, näher zubringen, über Amnesty International zu informieren und neue Mitglieder für unsere Organisation zu werben. Zwangsläufig k11995604_10153793707213273_437887513_nommt man bei dieser Tätigkeit in Kontakt mit Menschen. Das Spektrum ist groß. Wir sprechen mit Menschen aus allen Altersklassen und sämtlichen Milieus. Ich gehe auf Leute zu und mir werden unterschiedliche Reaktionen entgegengebracht. Manche ignorieren mich, andere danken freundlich oder lehnen entschieden ab. Der Großteil jedoch interessiert sich für das, was ich ihnen erzähle. Ich spreche über die Probleme und die schweren Menschenrechtsverletzungen, die tagtäglich in Mexiko und in anderen Teilen der Welt stattfinden. Ich versuche den latenten Drang, etwas an der Lage ändern zu wollen, in eine Aktion zu verwandeln. Die Menschen sind selten schockiert, oft nachdenklich, manchmal wütend, aber viel zu oft wenig überrascht. Wie viele Male hat man schon durch die Medien von den Problemen im Irak, in Syrien oder in Mali gehört. Mexiko bringt man relativ schnell mit Korruption und den um sich schlagenden Drogenkartellen in Verbindung. Otto der Normalverbraucher ist abgestumpft. Er ist mehr und mehr resistent gegen die Empahtie. Die Begriffe „Armut“ und „Hungerleidende“ gehen bei ihm auf der einen Seite herein und auf der anderen Seite heraus. Er benutzt das Wort „Wirtschaftsflüchtling“, um zwischen Flüchtlingen zu differenzieren. Dass es sich bei diesen sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen um Menschen handelt, die nichts zu essen haben, ignoriert er. Bilder von nach Wasser durstenden Kindern mit riesengroßen Augen gehören für ihn zwar nicht zum Alltag, sind aber auch nicht mehr so erschütternd, dass er aus allen Wolken fällt. Bei den 8 Uhr Nachrichten wartet er auf den Sport und das Wetter. Wie sein Fußballteam am Wochenede gepielt hat, hat einen größeren Einfluss auf sein Befinden, als die neusten Nachrichten aus Nahost oder Zentralafrika. Die Frage, ob er morgen den Grill anschmeißen kann, hat einen höheren Stellenwert als die Frage, wer in der Welt gerade gegen wen kämpft. Das „Warum?“ steht nicht im Raum. All diese Sachen sind wenig fassbar und es ist einfach die Augen zu verschließen. Es ist wesentlich aufwendiger, aus seinem gemütlichen neuen Sessel aufzustehen und zu sagen: „Hey, das kann doch nicht angehen!“ oder sogar den Entschluss zu fassen etwas dagegen zu unternehmen.

Aktuell erfahen wir in Deutschland eine große Welle der Solidarität mit Geflüchteten, während Tag für Tag noch größere Wellen der Flüchtenden bei uns und an den Küsten Europas eintreffen. Die Probleme aus der Tagesschau werden auf einmal fassbarer. Man hört von neuen Einrichtungen, die in der Nähe aufgemacht werden, sieht auf der Straße junge Männer, die wohlmöglich Flüchtlinge seien könnten. Man kommt in Kontakt oder sucht ihn gar. Die Empahtie ist zurück. Menschen empören sich über die menschenunwürdigen Zustände in diversen Einrichtungen, sie werden politisiert. Andere radikalisieren sich und sehen „die“ als Gefahr an.

Dieser Otto von dem ich rede, steckt in jedem. In mir und sicher hast ihn auch schon dabei erwischt, dass er sich bei dir breit gemacht hat. Ab un an erwische ich mich wie derartige Meldungen an mir vorbeigeheen, obwohl sie mich doch treffen müssten. Ich bin sauer auf mich und will nicht müde werden. Ich glaube, dass diese Reaktion wichtig ist. Man muss sich fragen: „Warum?“

Man darf nicht müde werden. Man darf nicht faul werden. Man darf es sich nicht zu bequem machen in seiner Komfortzone. Ich kämpfe dagegen an. Und ich behaupte, dass man dies muss. Es ist der „Imperativ der Menschlichkeit”, der mir das in solchen Situationen ins Ohr flüstert. Warum erzähle ich dir das?

Meine Aufgabe bei Promotionsaktionen mit Amnesty besteht darin, die realen Geschehnisse und Menschenrechtsverletzungen, für die Menschen so fassbar zu machen, dass meine Gesprächspartner einen Impuls verspüren, etwas machen zu müssen. Den „Imperativ der Menschlichkeit“,wie ich ihn nenne, wieder zu hören. Die Emphatie aus ihrem Winterschläfchen zu wecken. Ich versuche die Situationen und Menschenrechtsverletzungen möglichst plastisch darzustellen. Sie sollen greifbar weden. Den Gegenüber berühren.12026589_10153808782378273_750709941_n(1)

„Ich will etwas verändern- Ich will handeln – Sag mir was ich tun kann!“ Diese Haltung versuche ich hervorzurufen. Ich erkläre darauf unsere Kampagnen, unsere Organisation und wie man partizipieren kann, um gleich alle Antworten zu geben. Die große Frage, warum man ausgerechnet bei Amnesty International was verändern kann, sollte bestenfalls geklärt werden, ohne dass diese explizit gestellt wird. Auf diese Art und Weise konnte ich schon einige neue Mitglieder und Aktivisten gewinnen.

Bei der Begnung mit Menschen lernt man auch solche kenne, die einem auf Anhieb symphatisch sind. Hin und wieder bilden sich Bekanntschaften, die sich im weiteren Verlauf zu Freundschaften entwickeln. So geschehen bei unserer Aktion bei der Universität Marista, von der ich in m11997340_10153789353443273_2119958102_neinem dritten Beitrag ausführlich erzählt habe. Giovanni oder kurz „Gio“(auf dem Bild ganz rechts in rot) lud mich nach einem längeren Gespräch zu seinem Geburtsag am darauffolgenden Wochenende ein. Gio war damals 18 und ist inzwischen 19 Jahre alt. Die Universität Marista ist eine private Universität mit benachbarter Schule in kirchlicher Trägerschaft. Zum Campus gehören neben einer Kirche gepflegte Sportstätten. Seperate Volleyball-, Basketball- und Fußballplätze grenzen an für mich riesig erscheinende Grünflächen zum Entspannen und Chillen. Die Einrichtung können nur angehende Erwachsene aus reicheren Teilen der Gesellschaft besuchen. Wohlhabende sind klar priviligiert in Mexiko, unzwar nicht nur im Bildungssektor. Die berühmte Schere zwischn arm und reich, von der in Deutschland immer wieder die Rede ist, reicht hier kaum aus, um die Kluft zu beschreiben.

Gio ist eine Art Betreuer von Schulklassen und hält hin und wieder Stunden zu gesellschaftlichen Themen oder Entwicklungen. Zu einer dieser Stunden lud er mich ein, um eine Präsentation über Amnesty International und die Fluchtproblematik in Europa zu halten. Ziel war es auf das Thema aufmerksam zu machen , zu sensibilisieren und die Jugendlichen über Amnesty International zu informieren. Ich nahm meine deutsche Mitbewohnerin Luisa mit und wir hielten vor einer Schulklasse mit mehr als 30 Leuten den Vortrag auf Spanisch und bastelten anschließend zusammen symbolisch Bote aus gelbem Papier, auf die jeder Schüler eine Nachricht oder Notiz schreiben konnte und hingen sie in der Schule auf.

Am Freitag folgte ich in Begleitung von Luisa schließlich der Einladung Gios auf seinen Geburtstag. Zunächst war es ein eher familiärer Kreis, der sich nach und nach zu Gunsten einer ausgelasseneren Stimmung auflöste, bis nur noch engere Freunde und Arbeitskolegen übrig blieben. Mittendrin zwei Deutsche. Luisa und 12009565_10204650069000186_5679358558357419519_nich. (Links ist Gio, rechts neben mir Luisa, der Herr im Trikot ist Rafa, und ganz rechts ein schräger Vogel, der sich auf das Bild gestohlen hat.) Die Integration von uns, den anderen Menschen völlig unbekannten Ausländern, gelang bereits nach wenigen Minuten. Ohne in die Details gehen zu wollen kann ich sagen, dass wir einen schönen Abend hatten und Einladungen zu einem Roadtrip nach Monterrey sowie zum Mitspielen in einer Fußballmannschaft nicht ausschlagen konnten.

Die Einladung für den Roadtrip kam von einem Lehrer der Schule und eben Gio. Es ist die Heimatstadt von „Rafa“, dem Lehrer, der gebürtig aus dieser Stadt kommt und noch ein Haus dort hat. Monterrey ist eine Metropole im Norden von Mexiko und zeichnet sich vor allem durch seine wirtschaftliche Bedeutung aus. Sehr viele Firmen haben aus Gründen der geographischen Nähe zu den Vereinigten Staaten hier ihren Sitz, da es sich in Mexiko relativ günstig produzieren lässt. Der Mindestlohn liegt bei 70 Pesos pro Tag. Das entspricht aktuell in etwa 3.80 Euro.

Von diesem Geld müssen Familienväter teilweise ihre Familien ernähren. Auch deutsche Firmen machen sich dies zu nutze, jedoch möchte ich darauf jetzt nicht weiter eingehen.

Es sollte also nach Monterrey gehen. 8 bis 10Stunden auf dem Highway Richtung Norden. Abenteuer. Ich dachte, dass ich einen Kurzroman anschließend darüber schrieben könnte und hatte mir vorgenommen einen Schwerpunkt zu suchen, den ich in meinem Blog thematisieren würde.

Ich springe ein bisschen um etwas abzukürzen: Am Dienstag vor dem Trip trafen wir uns und erstellten eine Einkaufsliste sowie einen Plan, was wir zusammen unternehmen wollten. Neben einem Kurzbesuch der USA am Samstag wollten wir die Berge, die Monterrey umgeben besteigen und uns auf Spurensuche nach den Wurzeln der heutigen wirtschaftlichen Bedeutung begeben. Die ebenfalls nahegelegene Westküste stellte den Abschluss und das Highligth unserer Planungen dar.

Kurz bevor wir am Donnerstag die letzten nötigen Sachen für die Reise einkaufen wollten, sprach mich meine Mentorin im Büro an und musste in die Rolle des Spielverderbers schlüpfen.

Wir haben eine Greenlist der Koordinationsstelle des Programmes „weltwärts“, auf der Gebiete stehen, die wir bereisen dürfen. Monterrey befindet sich auf dieser Liste. Somit waren wir uns sicher, dass es dahingehend keinerlei Probleme gibt. Ich hatte Anna (Mentorin) bereits gesagt, dass es an diesem Wochenende nach Monterrey gehen sollte, jedoch nicht, dass wir mit dem Auto fahren würden. Anna teilte mir also mit, dass wir durch gesperrtes Gebiet fahren müssten um Monterrey zu erreichen und wir deswegen von der Reise absehen müssten.

Ein Schlag ins Gesicht.

Anna spielte dabei den Part der Faust. Allerdings stammt die Kraft bei einem Schlag bekanntlich nicht aus der Faust. Anna ist eine supernette Mentorin und Freundin, die immer ein offenes Ohr für uns hat und nicht nur hilft wenn es klemmt, sondern sich ständig für unser Wohl einsetzt. Sie lädt uns Freiwillige immer wieder ein, um einfach Mal zu „schnacken“, ,wie sie es zu sagen pflegt, oder ein Bier trinken zu gehen.

Jedoch waren Luisa und ich natürlich enttäuscht. Wir hatten uns so viel vorgenommen und wollten endlich unsere erste Reise unternehmen. Wir waren abenteurlustig und voller Vorfreude. Das geplante ereignisreiche Wochenende war plötzlich recht mau. Ich legte mich am Freitag früh ins Bett, nachdem ich mich im Fitnessstudio verausgabt habe und erwartete nichts von dem Wochenende, außer mich endlich richtig ausschlafen zu können.

Um 11 Uhr nahm ich die ersten Sonnenstrahlen wahr und bei dem Blick auf mein Handy sah ich, dass ich wirklich lange geschlafen hatte. Mir hat offensichtlich etwas Schlaf gehfehlt. Doch da blinkte ein Lichtlein auf. „Ay cabron, wer schreibt mir denn jetzt?“

Nachdem ich mich noch im Halbschlaf befindend zwei Mal mit meinem verhältnismäßig großen Daumen verdrückt habe, schaffe ich es schließlich die Nachricht zu öffnen.

Es ist Alonso mein Arbeitskollege.

Er schreibt, dass er über das Wochenende zum Campen fahren und ob ich nicht spontan mitkommen will. Es ginge in ein und halb Stunden los. Ich schaute, wann er mir die Nachricht geschickt hatte und registrierte, dass mir nur noch 45 Minuten bleiben würden, um unter die Dusche zu hüpfen meine Sachen zu packen und mit dem Bus zu dem Abfahrtsaort zu fahren. Allein die Busfahrt sollte ca. 23 Minuten dauern, sagte mir meine hilfreiche kleine App zur Navigation. Den Fußweg nicht eingerechnet. Natürlich. Ich überlegte, ob ich mich nicht einfach umdrehen sollte und so tun sollte, als hätte ich die Nachricht nicht gesehen.

Doch plötzlich war die Energie, die zuvor durch das schwarze Loch eingesaugt wurde wieder da. Dem schwarzen Loch hatte meine Energie wohl nicht sonderlich gut geschmeckt und es spuckte sie wieder aus. Es packte mich. Ohne zu wissen wo es eigentlich hingehen sollte, es hieß ich solle meine Badehose nicht vergessen, raffte ich mich auf. Ich vergass sie nicht und packte so schnell wie möglich alle Sachen, die mir wichtig erschienen, ein. Jetzt schnell zum Bus.

„Achja! – Ich muss ja noch Anna Bescheid sagen, dass ich verreise.“ Ich schriebe ihr bei der wilden Busfahrt eine Nachricht. Als sie mich fragt was denn das Ziel sei, hatte ich keine Antwort parat. Ich wisse es nicht und würde Bescheid geben, wenn ich bei Alonso sei, sagte ich. „Ok!“, schrieb sie prägnant.

Ich kam schließlich etwas zu spät an Alonsos Wohnung an. Ich dachte mir: „Die akademische Viertelstunde und Wir sind in Mexiko – Er wird schon gewartet haben.“

Ich klingele mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Nichts passiert. Beim zweiten Klingeln denke ich mir noch nichts. Beim dirtten Klingeln nach 3 ewigen Minuten des Wartens hat sich meine Miene verändert. Versteinert schreibe ich die x-te Nachricht an Alonso. Das letze Mal antwortete er, als ich mein Haus verließ. Ich ahne Böses.

Ich irre auf den Parkplätzen umher und suche seinen Pick-up, als plötzlich die Titel Melodie des A-Teams ertönt. Mein Handy klingelt. Alonso meldet sich und sagt, dass er um die Ecke auf mich wartet. Ich glaube er hat den Stein gehört, der in diesem Moment auf den Boden geknallt ist. Ich bin supererleichert.

Ich begrüße wie es im Protokoll steht die Leute, die mitkommen. Sie sind mir nicht böse, dass sie warten mussten. Einer von ihnen ist lustigerweise Angel, ein Schüler meiner Deutschklasse mit Amnesty und es stellt sich heraus, dass er der Mitbewohner von Alonso ist. Ich steige sofort ein. „Jetzt kann uns nichts mehr stoppen!“

Wir fahren aus der Stadt heraus und halten nochmal bei einer Tankstelle bevor es auf die Autobahn geht, als ich frage: „Wohin geht`s eigentlich?“ – „An die Lagune bei Santa Maria del Oro“ – Ich gib den Namen bei Google ein und sehe, wunderschöne Bilder. Eigentlich wollte ich aber wissen, wo dies liegt. Du weißt warum… Die Liste. Sie hat mir schonmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich habe die Liste nicht bei mir und schreibe unser Ziel meiner Mentorin. Ich dachte auf der Welle des Optimismus surfend: „Soviel Pech kann man nicht haben!“

Es stellt sich heraus, dass man es haben kann. “Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh!”, sagte bereits der Schütze des goldenen Tores bei der WM 1990, Andi Brehme. Schlauer Mann dieser Brehme.

Doch was jetzt?

Ich erkläre Anna meine Situation genau und Anna sagt mir, dass ich eigentlich zurückgekehren müsse. Der Bundesstaat Nayarit ist jedoch auf der ominösen Liste mit einem Sternchen versehen und in der Legende steht, dass man Gebiete nahe der Hauptstadt Tepic bereisen darf. Nayarit ist sehr klein. Somit liegt Santa Maria del Oro im Umkreis der Hauptstadt. Und die Grenze zu Jalisco, dem Staat, in dem ich lebe, ist ebenfalls nahe. Ich würde es „Grauzone“ nennen. Anna sagt, dass sie nicht die Reisepolizei spiele und ich unter eigener Verantwortung Reise. Ihre Aufgabe sei nur mich darauf hin zu weisen, nicht in die Gebiete zu reisen.

Ich entscheide mich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch dafür weiterzufahren.

Als wir schließlich ankommen und ich alle Szenarien und Greultaten durchgespielt habe, die theoretisch passieren können, sehe mich in meiner Entscheidung bestätigt.

Der See ist in einem Krater eines inaktiven Vulkanes gelegen und wunderschön. Die Luft schmeckt ungewohnt. Der Smog der Großstadt ist fern. Ich kann durchatmen. Irgendwie glaube ich, dass es ein Ort des Friedens ist. Ich konnte mich an diesem verlängerten Wochende unglaublich gut entspannen, viel lachen, schwimmen und Kajak fahren.

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Das absolute Highlight des Ausfluges war der Moment, in dem Alonsos Freundin, Hilary, ihre Angst vor dem Wasser überwandt. Sie konnte nicht schwimmen. Alonso und ich zeigten ihr wie man schwimmt, versuchten ihr die Angst zu nehmen. Doch ihre Angst schien existentiell zu sein. Sie versuchte die Tränen in ihren Augen zu verbergen. Hüpfte schließlich aber ins Wasser. Begann hektisch zu kraulen. Wir vericherten ihr, dass sie mit ihrer Schwimmweste sicher ist und wir ihr helfen. Sie beruihgte sich und begann zu schwimmen. An der Technik können wir noch etwas arbeiten, aber der Moment bleibt.

Liebe Grüße und iHasta luego!

Herr Nilsson

IV Von historischen Wahrheiten, 43 Studenten und 26.000 Verschwundenen

Im September 2014 verschwanden in Mexiko 43 Studenten:  Mit einem „Marsch der Empörung“ fordern die Eltern der Vermissten ein Jahr später erneut Aufklärung.

Tausende Menschen haben am Samstag vor einer Woche, dem 26. September, in zahlreichen Städten Mexikos e12047096_10153730117500625_7029361996367965770_nrneut die Aufklärung des Falls der verschwundenen 43 Lehramtsstudenten der Pädagogischen Hochschule Normal Rural Raúl Isidro Burgos in Ayotzinapa gefordert. Die Eltern der verschwundenen jungen Männer hatten zum Jahrestag zu einem „Marsch der Empörung“ aufgerufen. Die Eltern, in Begleitung von Menschenrechtsorganisationen, führten den Zug an.  Viele trugen Bilder der Opfer, symbolisch schwarz gefärbte Nationalflaggen oder Plakate mit dem Aufdruck „Uns fehlen 43“.

Auch nach einem Jahr fehlt von den jungen Männern fast jede Spur. Ein bis heute ungeklärtes Verbrechen, in das die Drogenmafia, Polizisten und Politiker verwickelt zu sein scheinen.

Im Januar 2015 gab der derzeitige Staatsanwalt Jesús Murillo Karam bei einer offiziellen Pressekonferenz die Ergebnisse der Untersuchungen der Generalstaatsanwaltschaft, zu diesem Fall als sogenannte „historische Wahrheit“ bekannt. Demnach sind die verschwundenen 43 Studenten von Mitgliedern der lokalen Polizei von Iguala verschleppt und an ein lokales Drogenkartell übergeben worden. Diese sollen die Studenten umgebracht, die Leichen auf einer Müllhalde verbrannt und die Überreste in den Fluss San Juan gestreut haben – so die „Geständnisse” von Mitgliedern der kriminellen Gruppe, die im Herbst 2014 von der Staatsanwaltschaft festgenommen und verhört wurden.

Damit schloss Murillo Karam die Untersuchung ab. Für viele wirft diese Version allerdings mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Dass die sogenannten Geständnisse unter Folter abgelegt wurden scheint so zynisch es klingt eher ein kleiner Nebenfluss in einem Meer der Ungereimtheiten zu sein. Wie konnten die Bandenmitglieder 43 Aktivisten überwältigen? Wie konnten sie in strömendem Regen 43 Körper verbrennen? Wieso wurden auf der Müllhalde keine Spuren gefunden? Warum hat die Polizei nicht geholfen? – Eine wasserfeste Beweisführung sieht anders aus.

Azotyinapa hat etwas gemacht. Der Fall hat die Familienangehörigen der Verschwundenen und die mexikanische Gesellschaft insgesamt in eine Art Schockzustand versetzt. Vielleicht hat er sie aufgeweckt. Aufgeweckt aus einem Tiefschlaf – Ayotzinapa ist der schrille Wecker, der Mexikos aus seinem Traum reißt. Der Traum ist ein schöner und stellt in diesem Zusammenhang ein Synonym zur Illusion dar. Eine Illusion der Wirklichkeit eines Landes, in der die Nationalflagge an jedem zweiten Haus gehist ist und der wirtschaftliche Aufschwung rapide voranschreitet. Die mexikanische Zivilgesellschaft, die auf das Phänomen des Verschwindenlassens mit Zorn reagiert, steigt.  In den Wochen und Monaten nach dem Verschwinden kam es zu zahlreichen Massenprotesten. Dies ist besonders bemerkenswert, da in Mexiko die Zahl der öffentlichen Kundgebungen von größeren Gruppen der Zivilgesellschaft rar gesäet sind, obwohl das Phänomen des Verschwindens von Menschen kein neues ist.  Nicht nur in Mexiko-Stadt und Guadalajara, sondern in vielen Städten weltweit mobilisierten sich Menschen, um auf das Verbrechen aufmerksam zu machen. Die Familienangehörigen blockierten Straßen und öffentliche Gebäude und forderten die Regierung auf, die Studenten zu finden: “Wir wollen sie lebend zurück!“ Auch die Studenten der Normal Rural Ayotzinapa organisierten Proteste. Sie setzten Regierungsgebäude in Chilpancingo, der Hauptstadt Guerreros, in Brand und blockierten die Autobahn del Sol, die nach Acapulco, einem beliebten Touristenort, führt.

Die Familienangehörigen forderten von Anfang an unabhängige Gerichtsmediziner für die Untersuchungen im Fall ihrer verschwundenen Kinder. Ihr Anliegen stieß jedoch nicht auf offene Ohren. Die mexikanische Regierung holte den Schleier der Maya aus der verstaubten Kiste und versuchte zu vertuschen.  Im Oktober 2014 jedoch kam eine Gruppe forensischer Anthropologen aus Argentinien und machte sich auf die Suche nach den Vermissten. In der Vergangenheit hatten sie bereits im Norden Mexikos, in Ciudad Juárez und Tamaulipas an Fällen von verschwundenen Frauen und Migrant/innen gearbeitet und waren mit dem mexikanischen Kontext vertraut. In Guerrero fanden sie sechs Massengräber, wobei in keinem die Überreste der 43 Studenten identifiziert werden konnten.  Nocheinmal 6 Massengräber! Das erinnert mich an eine sehr dunkle Zeit in meinem Heimatland. Ich frage mich, ob ich nicht auch auf einer Wolke über der Realität des Landes schwebe. Jedenfalls holt mich gerade etwas auf den Boden. Ich spüre wie es schwieriger ist einen Schritt vor den anderen zu setzen. Ich bin in einem Sumpf gelandet. Die große Frage ist, wie bekommt man diesen trocken gelegt?  Ich habe noch keine ausgereifte Antwort auf diese Frage bereit, aber mit der lückenlosen Aufklärung jedes Falles wäre man einen ganzen Schritt weiter.

Dass die Studenten auf der Müllhalde verbrannt wurden, sollen Mülltüten mit indexkaum identifizierbaren Ascheresten der Studenten beweisen, die die Generalstaatsanwaltschaft, allerdings in Abwesenheit der argentinischen Forensiker, im Fluss San Juan gefunden haben will. Diese wurden an das Institut für Gerichtsmedizin der Universität Innsbruck geschickt, wo Spezialisten derzeit DNA-Analysen durchführen. Anfang Dezember 2014 wurde einer der 43 Vermissten identifiziert: der 19-jährige Lehramtsstudent Alexander Mora Venancio.

Im November 2014 wurde die unabhängige interdisziplinäre Expert/innengruppe mit der Untersuchung des Falls beauftragt.

Zunächst mussten die Expert/innen Tausende von Seiten an Untersuchungsberichten und Protokollen der mexikanischen Staatsanwaltschaft auf Inkonsistenzen und Widersprüche prüfen. Sie sprachen mit Familienangehörigen,Studenten, Lokalbehörden, Polizisten, bereits verhafteten Mitgliedern der Organisierten Kriminalität, und weiteren Zeugen. Es war ein extrem schwieriger und langwieriger Prozess, da der Großteil der Zeugen große Angst hatte, über die Geschehnisse dieser Nacht auszusagen.

Am 6. September 2015 veröffentlichte die Expert/innengruppe ihren 400seitigen Bericht, in dem sie ihre Version der Geschehnisse der Nacht des 26. September darlegen. Sie erklären ausführlich, inwieweit ihre Erkenntnisse mit denen der der „historischen Wahrheit” und den verschiedenen Gutachten kontrastieren und zeigen gravierende Informationslücken auf.

Die Rekonstruktion der Geschehnisse des 26. September durch die Expert/innengruppe macht das Ausmaß der verschiedenen Gewaltszenarien in jener Nacht deutlich. Allgemein wird stets von 43 Studenten gesprochen. In der Nacht wurden jedoch 180 Personen indirekt oder direkt in ihren Rechten verletzt, viele davon minderjährig.

Sechs Personen wurden außergerichtlich getötet, mehr als 40 Personen wurden verletzt, einige davon schwer. 80 Personen, darunter auch die Studenten, Lehrer, die Busfahrer, aber auch Personen, die zu Hilfe kamen, wurden verfolgt und angegriffen. 30 Personen, bei denen es sich um die Spieler einer lokalen Fußballmannschaft handelte, wurden in ihrem Bus fälschlicherweise von der lokalen Polizei angegriffen und angeschossen, überlebten aber. Die Brutalität und Willkür sind so groß, dass es mir schwer fällt zu schlucken.

Hinzu kommen die 43 Studenten der Normal Rural Ayotzinapa, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und an unterschiedlichen Orten angegriffen wurden und daraufhin verschwanden. Einer von ihnen, Julio César Mondragón, wurde später mit Spuren von Folter tot aufgefunden.

Darüber hinaus wird die Straflosigkeit und territoriale Kontrolle deutlich, die die Aggressoren genießen. Im Verlauf der Nacht tauchen zu unterschiedlichen Zeitpunkten staatliche Sicherheitskräfte, wie die lokale Polizei, die Landes-, aber auch die Bundespolizei und das Militär aktiv als Täter auf. Aus dem Bericht der Expert/innen geht hervor, dass diese Akteure sowohl durch die Studenten als auch durch Zeugen alarmiert wurden, jedoch keine Hilfe leisteten.

Die Expert/innengruppe gab weiterhin bekannt, dass sie mithilfe eines Spezialisten eine detaillierte Inspektion der Müllhalde in Cocula vorgenommen haben, auf der die Studenten angeblich verbrannt wurden. Aufgrund der Struktur und Charakteristika des Ortes konnten sie feststellen, dass eine Verbrennung der Studenten aus verschiedenen Gründen an diesem Ort unmöglich war. Unbeachtet der Tatsache, dass es zum Zeitpunkt des Verbrechen aus Strömen regnete, hätte denSpezialisten zufolge die Verbrennung von so vielen Körpern eine große Flammensäule und Rauch hervorrufen müssen, viel mehr Zeit und Brennmaterial erfordert und sichtbare Auswirkungen auf die umliegende Flora verursacht. Von all dem gab es jedoch keinerlei Spuren. Der Fluss San Juan, in den die Asche der verbrannten Leichen angeblich gestreut wurde, fließt entlang eines bewohnten Gebietes und es handelt sich viel mehr um einen kleinen Bach als um einen großen Fluss, der unmöglich die Menge an Asche hätte abtransportieren können. Auch hier bleiben viele Fragezeichen.

Nach Ansicht der Expert/innen zeigen die Übergriffe, dass es die Absicht der Aggressoren war, die Busse daran zu hindern, ihre Fahrt fortzusetzen. In den Gesprächen mit überlebenden Studenten kristallisierte sich die Existenz eines fünften Busses heraus, der in der offiziellen Untersuchung der Generalstaatsanwaltschsaft an keiner Stelle aufgetaucht war. Dieser spielt nach Einschätzungen der Expert/innen jedoch eine wichtige Rolle, da er bereits in anderen Fällen in Zusammenhang mit Drogen- oder Geldtransport von Iguala nach Chicago in Erscheinung trat.

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Der Fall „Ayotzinapa” genießt in der öffentlichen Berichterstattung relativ große Relevanz. Jedoch möchte ich an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass diese Tragödie mehr als ein bedauerlicher Einzelfall ist. In Mexiko verschwindet alle 2 Stunden ein Mensch. Die Praxis des sogenannten Verschwindenlassens hat System. Die offizielle Zahl der Verschwundenen beträgt 26.000. Zum Vergleich: In der Kernstadt Limburg wohnen 18.219 Menschen. (31.1.2014) Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich nur erahnen.

Uns 43 fehlen und Tausende mehr! War auf einigen Plakaten während der Kundgebungen in der vergangenen Woche zu lesen. Warum der Aufschrei erst mit diesem Fall erfolgte, mag wohl daran liegen, dass Ayotzinapa dem Albtraum ein Gesicht gibt.

Ich durfte nicht an dem Marsch teilnehmen, weil ich Ausländer bin. Die mexikanische Verfassung verbietet mir dies. Und meine Entsendeorganisation hat mich durch meine Mentorin nocheinmal gesondert darauf aufmerksam gemacht. Ansonsten kann man den “Paragraphen 33”  gegebenenfalls umgehen, aber in diesem Fall war die Gefahr wohl zu groß.

Stattdessen verbrachte ich das vergangene Wochenende bei einer Fundraising Aktion von Amnesty auf einem Foodtruckfestival im Schatten einer Schokoladenfabrik. Endlich konnte ich mexikanische Spezialitäten probieren, da die Trucks auch vegetarische Alternativen anboten. Neben vielen Hamburgertrucks stand übrigens auch einer, der Frankfurter Würste verkaufte. Ein Stück Heimat? Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Frankfurter Würste nicht direkt vermisst. Besonderen Charme hatte jedoch das Open Air Kino, in dem ich am Sonntagnacht nach getaner Arbeit zusammen mit dem dunkelrotscheinenden Mond Charlie und die Schokoladenfabrik genießen konnte, während es durch die angrenzende Schokoladenfabrik nach Schokolade roch.

Die Eltern der Verschwundenen 43 Studenten durften jedoch selbstverständlich protestieren. In der ganzen Zeit wurden sie nicht müde auf Aufklärung und Gerechtigkeit zu pochen. Weder eine historische Wahrheit noch astronomische Schwiegesummen der Regierung hielten sie davon ab für ihre Kinder zu kämpfen.

Dass im Fall Ayotzinapa wie in vielen anderen Fällen deutsche Waffen verwandt wurden, möchte ich in diesem Artikel nicht weiter thematisieren. Es macht mich jedoch traurig und wütend.

Amnesty International steht mit den Eltern der Verschwundenen in der ersten Reihe. Auch Du kannst etwas machen!

Unterzeichne die folgende Petrition, um Druck auf die mexikanische Regierung auszuüben und Aufklärung in diesem Fall zu fordern:

https://www.stopfolter.de/                    (Deutsch)

An alle Spanischsprechenden: Ihr könnt eure Unterschrift auch im spanischen Originaldokument der Sektion Mexiko setzen:

http://www.alzatuvoz.org/normalistas/             (Spanisch)

iGracias y Hasta luego!

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Literaturquellen:

Heinrich Böll Stiftung (einige Passagen habe ich zitiert oder bearbeitet wiedergegeben – Der Text ist somit der erste in meinem Blog, der nicht vollständig meiner Feder entstammt- Ich hielt das in diesem Fall für notwendig), Tagesschau, Deutschlandfunk, Amerika21, Amnesty International

III Was macht der eigentlich die ganze Zeit da drüben?

Ja es stimmt, ich habe mich mir mit meinem dritten Beitrag etwas Zeit gelassen, aber nun ist er da und ihr werdet für die lange Wartezeit mit ein paar Bildern entschädigt!

Ich konnte mich in den vergangenen Tagen schon etwas einleben, ein geregelter Alltag wie zu Schulzeiten hat sich bisher aber noch nicht eingestellt. Inzwischen habe ich mein Zimmer für mich alleine, welches ich zuvor auf Grund von Bauarbeiten noch mit einer weiteren Freiwilligen teilen musste. Aus den angekündigten 2 Tagen, die ich es teilen müsse sind auf mysteriöse Weise zwei Wochen geworden. Da ich mir vorgenommen habe die Dinge stets von der positiven Seite zu betrachten, kann ich konstatieren eine neue Vokabel gelernt zu haben: „Ahorita!“ Wenn man das Wörterbuch nach diesem Wort befragt, spuckt es folgendes aus:

Unbenannt Nur so viel: An dieser Stelle hat das Wörterbuch noch Verbesserungspotenzial.

Mich hat es zwischendurch ziemlich genau eine Woche erwischt – das volle Programm. Aber inzwischen bin ich wieder topfit und in der Lage dir meine Arbeit hier in Mexiko etwas näher zu bringen.

Ich arbeite in diesem Jahr für das Amnesty Büro in Guadalajara, Mexiko. Das ofizielle AI Regionalbüro Büro trägt den Namen „Amnistia Interantional Occidente“ und ist für den Westen Mexikos zuständig. Das Büro teilt sich in die Bereiche financiamiento” (Fundraising), incidencia” (politische Einflussnahme) und activismo” (Arbeit mit Aktivisten/Aktionen) auf. Amnistía Occidente arbeitet direkt mit Schulen und Universitäten der Stadt zusammen, organisiert Konferenzen und Workshops zum Thema Menschenrechte sowie Events zur weiteren Bekanntmachung der Organisation und ihrer Ziele. Außerdem arbeiten wir eng mit anderen lokalen NGOs zusammen, um so der Arbeit für Menschenrechte eine breitere Basis in der Region zu geben. Die Unterstützung der AI-Zentrale in Mexiko-Stadt gehört auch zum Aufgabenbereich, um die landesweiten Kampagnen von Amnesty auch in Guadalajara publik zu machen und hier besser auf die Menschenrechtssituation Einfluss zu nehmen.

Ich bin hauptsächlich im Bereich fianciamento tätig. Wir kümmern uns um die Finanzierung und Organisation der Kampagnen und der zahlreichen Events, der Akquierierung von Finanzmitteln und dem Werben von neuen Mitgliedern. Dazu betreiben wir Öffentlichkeitsarbeit für Amnesty. Zunächst ist es unsere Aufgabe über die Organisation, ihre Ziele und die Menschenrechte im Allgemeinen zu informieren. Da niemand einer Organisation aufgrund ihres Logos ein Teil seines hart verdienten Geldes spendet oder gar Mitglied wird, ist dieser Schritt zunächst logisch. Anschließend hoffen wir genug Argumente geliefert zu haben, damit der Angersprochene Teil unserer Bewegung wird und uns bestenfalls auch fiananziell unterstützt. Die Öffentlichkeitsarbeit ist jedoch auch ohne nur auf das Portemonnaie zu schauen essentiell für Amnesty. Selbst wenn sich von 1000 Menschen, denen wir unsere Organisation näher bringen nur einer für Amnesty engagieren will, ist dies ein Erfolg. Ein Mitglied, neunhundertneunundneunzig, die jetzt mit den ominösen „Menschenrechten“ und dem Namen „Amnesty International“ etwas assoziieren können. Super!

Amnesty International hat weltweit etwa 7 Millionen Sympatisanten und 3.2 Millionen Mitglieder. Insgesamt folgen über 140.000 Menschen AI Deutschland auf Facebook und 30.000 Mitglieder sind in Deutschland registriert.

AI Mexiko hat über 300.000 Follower auf Facebook, jedoch nur etwas über 2000 Mitglieder. Viele Mexikaner und auch Deutsche können jedoch leider mit dem Namen Amnesty International nicht sehr viel anfangen, obwohl sie unsere Sache sicher für eine gute halten würden und diese unter Umständen auch unterstützen wollten. Nicht zuletzt weil hier in Mexiko anders als in Deutschland Menschenrechtsverletzungen deutlich öfter auftreten, ist sehr viel Potential vorhanden neue Unterstützer und neue Mitglieder für AI zu gewinnen.

Hier setzen wir an:

In Mexiko muss jeder Student eine gewisse Anzahl an Stunden in einer sozialen Einrichtung ableisten, um seinen Abschluss zu bekommen. Unser Team hat sich deswegen dazu entschlossen den Studenten die Möglichkeit einzuräumen den sogennanten „servicio social“ als Promoaktivist von Amnestia Internaional Occidente zu absolvieren. Dabei sollen die Studenten im direkten Kontakt mit den Menschen in Guadaljara für Amnesty und die Menschenrechte auf der Straße, in Bibliotheken, auf Konzerten und öffentlichen Plätzen werben.

11951979_10153217526479624_1452861313224234399_nIm Zuge dieses Programmes besuchte das financiamiento-Team 2 Tage die Universität Marista, um den Studenten diese Möglichkeit aufzuzeigen. Ziel war es insgeamt ca. 10 Plätze zu besetzen. Laut Statistik müssten wir mindestens 50 Interessenten auf unserer Liste haben, um dies zu erreichen. Wir vermuteten, dass die Studenten früher oder später Hunger bekommen müssten, also bauten wir unseren Stand strategisch clever direkt vor der Cafeteria des Campus auf und legten los. Wir behielten Recht. Bereits nach wenigen Minuten kamen die ersten Studenten eingetrudelt.

Zunächst nahm ich eine eher passive Rolle ein und schaute mir an wie meine beiden Mitstreiter vorgingen und wie sie unser Programm erklärten. Ich versuchte genau zuzuhören und mir dabei das nötige Vokabular anzueignen. Nach einiger Zeit des Studierens gab ich mein Dauergrinsen langsam auf und schritt selbst zur Tat. Ich dachte an das alte deutsche Sprichwort:“ Studieren geht über probieren“ und legte los. Es stellte sich zunächst als sehr schwierig heraus, da nun Begriffe unabdingbar waren, die in der normalen Altagssprache eher keine Verwendung fanden. Ab und zu bediente ich mich dem Englischen, aber ich versuchte, wenn ich ein bestimmtes Wort gesucht habe, dieses zu umschrieben. Als Notfallanker standen meine beiden Kollegen für mich bereit, die bei speziellen Rückfragen zu Beginn auch öfter konsultiert wurden. Nach und nach fand ich mich jedoch ein und nach einer Weile konnte ich ganz alleine einen Interessenten auf die Liste setzen. Ich habe mich sehr darüber gefreut und ich spürte, dass meine Kollegen, Anna und Barrio (mein Chef), sehr froh darüber waren, dass sich die anfängliche Last am Bein als eine willkommene Hilfe entpuppte. Ich kam langsam immer besser in Fahrt und es machte großen Spaß mit den Studenten zu sprechen. Der ein oder andere trug sich in die Interessentenliste ein oder kaufte zumindest ein Amnesty-Aufkleber. Am Ende des ersten Tages hatten wir etwa 20 Leute auf unserer Liste. Erschöpft packten wir unsere Sachen zusammen und dampften ab.

Am zweiten Tag waren wir nur noch zu zweit, da Anna ein wichtiges Meeting mit einer anderen NGO hatte. Somit verteilte sich die Arbeit nicht mehr auf drei sondern auf zwei Schultern und ich trug eine höhere Verantwortung. Nach dem Crash-Kurs des gestrigen Tages dauerte es nicht lange bis ich meine eigene Strategie entwickelt hatte und fast schon nur noch die Kasette abspuhlen musste. Es lief wie am Schnürchen und ich fand Gefallen daran den wirklich interessierten Leuten noch mehr über Amnesty zu erzählen. Ich erklärte unsere Kampagnen und die Gründungsgeschichte und es trugen sich einige Interessenten in die Liste ein. Am späten Nachmittag sagte mir Barrio, dass er nochmal dringend ins Büro müsse und fragte, ob ich nicht für eine Stunde alleine übernehmen könnte. Ich war stolz darauf, dass er mir dies zutraute und willigte ein.

Uff! Gestern war ich anfangs noch eher verhaltener Zuschauer und jetzt soll ich den Laden alleine schmeißen. Ich schaute auf die Liste und es standen genau 41 Namen darauf. Also setzte ich mir das Ziel in Barrios Abwesenheit die angepeilten 50 zu knacken.

Mit diesem Ehrgeiz und dem inzwischen aufgebauten Selstvertrauen ging ich offensiv auf die Studenten zu und konnte den ein oder anderen davon überzeugen, sich einzutragen. Das Gros der Studenten mit denen ich sprach kannten Amnesty noch nicht und war sehr von unseren Zielen und Visionen angetan. Einige wollten noch mehr über die Organisation und unsere Aktionen wissen und folgen uns inzwischen auf Facebook, wo wir über unsere Arbeit, Events und Kampagnen informieren. Drei neue Mitglieder konnten wir werben und einige Artikel an den Mann bringen. Doch wie sah es mit der Liste aus? Leider herschte insgesamt eher eine Flaute vor der Cafeteria, da viele Studenten in ihren Vorlesungen saßen. Jeddoch konnte ich mir so Zeit nehmen für die handverlesenen „Maristas“, die vorbeikamen. Nach etwa 40 Minuten konnte ich mich über 49 Interessenten freuen. Ich dachte: „Die Nummer 50 schaffe ich noch bevor Barrio kommt!“

Als eine Dreier-Jungs-Clique am Horizont erschien, wusste ich, dass dies wohl meine letzte Chance ist. Sie wirkten in dieser Situation wie die drei heiligen Könige auf mich die durch den Stern von Guadalajara zu unserem Stand geführt wurden. Jedoch hatten Caspar, Melchior und Baltasar diesesmal weder Gold, Weihrauch oder Myhrre dabei, sondern Lust ihr servicio social bei Amnesty zu machen. Wenn ich jetzt sagen würde, dass ich mich über ein Goldbarren weniger gefreut hätte, müsste ich lügen, aber ich war sehr froh darüber, dass sie sich in der Liste eingetragen haben. Einer kaufte sogar noch ein T-Shirt, als Barrio um die Ecke kam.

Ich habe es geschafft! Er freute sich sehr und wir konnten in den folgenden 2 Stunden noch 8 weitere Maristas für unser Programm gewinnen. 60! Die Aktion war ein Erfolg!

Hier ein paar Impressionen unseres Besuches der Universität:

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Jedoch bin ich natürlich nicht jeden Tag an der Universität und werbe Leute für Amnesty. Im Moment bin ich hauptsächlich damit beschäftigt den A1 Deutschunterricht für unser bald startendes Programm „Sprachenlernen mit Amnesty“ zu konzipieren. Da du dich jetzt sicher fragst, warum AI plötzlich auf die Idee kommt ein Sprachprogramm auf die Beine zu stellen, möchte ich dies kurz erklären. Bei der Akquierierung von finanziellen Mitteln ist immer Kreativität gefragt. Das financiamiento-Team versucht dabei die vorhandenen Recourcen für einen möglichst hohen Ertrag zu nutzen. Da ich bereits ein und halb Jahre als ehrenamtlicher Deutschlehrer für Flüchtlinge in Kirberg gearbeitet habe und deswegen über Erfahrung als Deutschlehrer verfüge, nutzen wir diese „Ressource“, um durch das Angebot einer Deutschklasse Gelder für unsere Arbeit und Kampagnen zu generieren. Ich habe hier also die Möglichkeit ein eigenes Projekt zu planen und umzusetzen. Dieses Projekt macht ein Großteil meiner Arbeit aus. Ich stelle momentan das Material für den Kurs zusammen und überarbeite meine mitgebrachten Materialien dahingehend, dass neben der Deutschen Sprache auch über Amnesty International, die Menschenrechte und diverse in diesem Zusammenhang bemerkenswerte Personen und Ereignisse informiert und aufgeklärt wird. Natürlich sind wir gerade dabei kräftig die Werbetrommel hierfür zu rühren und alles zu organisieren. Die erste Stunde ist nämlich schon terminiert. In genau einer Woche geht es los! Am 21.September ist die erste Stunde. Es folgen die offiziellen Plakate, mit denen wir für das Programm werben:

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Deswegen habe ich im Moment sehr viel zu tun. Nebenbei unterstütze ich das ganze AI Occidente Team und besonders Barrio und nehm11880555_1635471383344270_2540457887151783194_ne an Aktionen und Events teil. Beispielsweise hatten wir gestern im Zuge der Kampagne „Cambio de Via“, die wir zusammen mit FM4Paso Libre auf die Beine stellen, eine gesonderte Veranstaltung. FM4 ist eine NGO, die ebenfalls in unserem Bürokomplex zuhause ist und sich mit der Migrationsproblematik in Lateinamerika und besonders in Mexiko auseinandersetzt. Zum „Mesa de Micro-diálogo“ wurden Wissenschaftler, Vertreter anderer Organisationen und Bürger eingeladen, die sich für das Thema interessieren und besprachen bestimmte Fragestellungen in Kleingruppen. Dabei hat jede Gruppe gewisse Ansatzpunkte für eine Verbesserung der Situation herausgearbeitet. Diese wurden zum Ende im Plenum vorgestellt. Ich konnte etwas in meiner Kleingruppe aus der Arbeit mit den Migranten in Deutschland einbringen, aber insgesamt war diese Thematik sehr komplex und das spezielle Vokabular ließ mich nicht alles verstehen. Die Idee dieses Tisches des Mikro-Dialoges gefällt mir jedoch sehr, da man zu gezielteren Fragestellungen debattieren und sich austauschen kann. Man erfährt andere Perspektiven und Anregungen, die den ein oder anderen Denkprozess in Gang setzen.

Morgen früh besuche ich mit Barrio eine große Networking-Firma in der Umgebung, um Mitglieder und für den Deutschkurs zu werben. Deswegen mache ich jetzt Schluss und haue mich aufs Ohr!

Ihr hört schon bald wieder von mir!

iHasta luego!

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II Das eintägige 31 Stundenrennen

Das erstmals stattfindende Rennen vereint Abschied und Ankunft, Wehmut und Vorfreude, iHola! und Bis Bald! Es misst 31 Stunden und circa 10.000 Kilometer.

Das Rennen teilt sich in 3 Etappen auf:

Die erste Etappe, die bewältigt werden muss, ist die kürzeste. Jedoch zeichnet sich die 53 Kilometer lange Strecke durch eine äußerst schwierige Beschaffenheit aus. Sie ist durchzogen von hohen Hügeln und tiefen Tälern. Es geht an die Grenze der Belastbarkeit. Der Start in Neesbach verzögert sich zunächst etwas, da der Athlet Nils Armstrong nicht pünktlich erscheint, weil er sein Material auf Vollständigkeit hin überprüfen muss. Dies ist jedoch zwingend notwendig, da neben Bergen, Tälern und einem ganzen Ozean auch Landesgrenzen überquert werden müssen. Niemand möchte aufgrund von bürokratischen Hindernissen dazu gezwungen werden abzubrechen. Auf meiner ersten Etappe begleiten mich meine langjährigen Unterstützer, Förderer und Familie in Personalunion. Sogar meine beiden Brüder, Beni und Jonas, sind extra aus Berlin angereist, um mich zu begleiten. Ich sage noch meinem Zimmer und dem Haus „Tschüss“ und schon geht es los.
Während ich mich auf meinem Mountainbike abstrample, erlebe ich ein Wechselbad der Gefühle. Die Berge wirken höher als sonst – die Täler tiefer. Ich bin die Strecke von Neesbach nach Frankfurt schon einige Male gefahren, jedoch ist es diesmal etwas ganz anderes. Mir schießen unendlich viele Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf, während ich meine Aufregung im Gespräch mit meiner Familie, mit Hilfe von ein paar lockeren Sprüchen zu überspielen versuche. Als am Horizont die Silhouette des Frankfurter Flughafens erscheint, weiß ich: Jetzt wird es ernst! Nachdem ich die Slalomstangen bei der Gepäckabgabe nach ein paar Problemen und Momenten der Irritation gemeistert habe, geht es nun auf den Schlusssprint. Dieser hat es besonders in sich. – der berüchtigte Gate Z 62. Mit Blick auf die Zielgeraden ist die Zeit gekommen, um mich von meiner Familie zu verabschieden. Ich falle meinen beiden Brüdern in die Arme, sehe ein letztes Mal meiner Mama und meinem Papa in die Augen, sie sind genauso feucht wie die Meinen.Es folgen zwei derart innige Umarmungen, dass förmlich von beiden Seiten versucht wird ein Stück des jeweils anderen einzufangen und mitzunehmen.

Als ich die Visums- und Passkontrolle passiere, schaue ich immer wieder zurück und manchmal hebe ich meine Hand zum Winken. Jedoch klappt dies nicht immer. Mein Arm scheint schwerer zu sein als sonst. Ich bekomme ihn nicht immer hoch. Hätte ich doch mein Fitnessprogramm mit etwas mehr Disziplin durchgezogen! Ich drehe mich ein letztes Mal um – dieses Mal gelingt mir das Winken – und gehe durch das große Tor. – Geschafft.
Ich atme einmal tief durch, als mich ein Offiziell zur Dopingkontrolle winkt. Es werden bei mir keine verbotenen Substanzen festgestellt. Zur Entspannung spaziere ich durch die Geschäfte des Duty Free Bereiches, um mit Hilfe des Mixes aus Lounge- und Fahrstuhlmusik etwas herunterzufahren.
Schließlich treffe ich auf Lennart, einen anderen Radrennfahrer, den ich beim Vorbereitungsseminar bereits kennengelernt habe. Wir entscheiden uns dazu unseren Gate aufzusuchen und dort etwas zu entspannen. Ein weiterer Offizieller übergibt mir bei der Ankunft das rotgepunktete Trikot des besten Bergfahrers. Ich war doch tatsächlich der erste Athlet, der die Ziellinie der ersten Etappe überquert hat.

Nun müssen wir uns etwas rehabilitieren. Ich komme dabei mit den anderen Fahrern ins Gespräch. Lennart fragt mich, ob ich denn schon eine Bleibe in Guadalajara habe, dem finalen Ziel unseres Rennens. Ich entgegne ihm, dass ich bereits ein Zimmer in einer mexikanischen Studenten-WG habe. Er ist etwas schockiert, da er noch nichts organisiert hat und dachte, dass er damit nicht alleine ist. Jedoch ist er das wie sich nach den Gesprächen mit den inzwischen eingetrudelten Dritt- und Viertplatzierten herausstellt. Da wie der Zufall es wollte sein Handy den Geist aufgegeben hat, suche ich ihm ein paar Hostels in GDL heraus. Er notiert sie sich auf seinen kleinen Notizblock und hofft, dass er die kommende Nacht nicht unter irgendeiner Brücke verbringen muss. Ich versuche ihn mit den Worten: „In Mexiko wird es nachts nicht so kalt wie in Deutschland“ zu trösten.
Immerhin einen Lacher konnte ich ernten und wir beide kommen zu dem Schluss, dass die ganze Sache schon schief gehen wird.

Ein paar Zeigerumdrehungen später ruft auch schon das Flughafenpersonal zum Boarding und wir machen uns bereit für die nächste Etappe.
Sie ist 8.424.88 Kilometer lang und erfordert eine Menge Ausdauer von den Athleten ab. Sie führt von Frankfurt nach Houston, Texas. Leider starte ich von Platz 92A, also vom Ende des Feldes. Jedoch mit einem guten Blick auf die die Landschaft und die Wolken, die wir durchziehen werden. Während ich noch auf den Abflug warte, erhalte ich noch die ein oder andere Nachricht. Besonders bewegt hat mich dabei die E-Mail meines Vaters. Er schreibt:

Viel Spaß in Mexiko und bleib gesund.

Ich bin total froh, dass es dich gibt.

Papa

Diese E-Mail klingt für Außenstehende wie eine mit Phrasen durchzogene Nachricht. Jedoch muss man wissen, dass mein Vater kein Mann großer Worte ist und die Aussage : „Ich bin total froh,dass es dich gibt!“, so bar und simpel sie scheint, einen Nerv trifft. Es ist nicht nur eine Phrase, er meint es genauso wie er es schreibt. Es ist echt. Es ist authentisch. Es ist rührend.

Der Rapper Motrip hat in diesem Jahr ein sehr bemerkenswertes Album veröffentlicht mit dem Titel: „Mama“. Es beinhaltet die Single „So wie du bist“
Der Satz „Bleib so wie du bist“ ist ebenfalls allein stehend banal, kitschig und schon tausend Mal gehört. Durch den Zusatz „Lass die anderen sich verändern…“ und die persönlichen Strophen wird der Song plötzlich riesengroß, ehrlich und emotional. Inzwischen wurde er zu einem Hit. „Lass die ander`n sich verändern und bleib so wie bist!“

Genauso verhält es sich mit den Worten meines Vaters. Erst durch den Kontext und die Tatsache, dass wir uns 19 Jahre lang täglich gesehen haben, dies nun wegbricht und wir im Trott des Alltages manchmal vergessen haben wie wichtig uns der gegenüber doch eigentlich ist und wir dies viel zu selten kommuniziert haben, wird diese Nachricht für mich riesengroß, ehrlich und emotional. Das kleine Wörtchen „total“ hat plötzlich eine große Bedeutung. Der Satz trifft mich gezielt ins Auge, sodass sie ähnlich wie wenn einem eine Fliege ins Auge fliegt, feucht werden.

Die zweite Etappe stellt sich insgesamt als sehr angenehm heraus, da man mit einem Rundum-Entertainmentprogramm abseits der Strecke verwöhnt wird und immer wieder Verpflegungspausen eingeschoben werden, die glücklicherweise stets eine vegetarische Alternative enthalten. Die Etappe vergeht wie im Flug. Mich plagen keine größeren Krämpfe oder Wetterkapriolen. Nach etwas mehr als zehn Stunden befinde ich mich schließlich auf der Zielgeraden von Texas. Die Brücke überquert, versuche ich die letzten Hindernisse geschickt zu nehmen. Es gelingt. Bei dieser Etappe muss das Fotofinish herhalten, da alle Athleten in einem Pulk ankommen. Dieses Mal habe ich den Etappensieg leider nicht einfahren können, jedoch verbringe ich kaum Zeit damit mich drüber zu ärgern. Vielmehr muss ich mich auf die nächste Etappe vorbereiten. Sie beginnt bereits 3 Stunden später.

Als wir zum Start der letzten Runde unseres kleinen Rennens bummeln, fällt uns auf, dass wir für den letzten Teil ein anderes Fahrrad vom Veranstalter zur Verfügung gestellt bekommen. Während wir gen Houston noch mit dem maßgeschneiderten A360-800 Modell fahren durften, wird uns nach Guadalajara nur noch ein Kinderfahrrad an die Hand gegeben. Meine Knie stoßen immer wenn ich eintrete gegen den Lenker. Das ist auf Dauer, jedoch nicht mein größtes Problem. Dies sind vielmehr die fehlende Federung und der ungemütliche Sitz, die bei der mit Kopfsteinpflaster präparierten Strecke nicht besonders angenehm daherkommen. Die Turbulenzen sind zwar auf der einen Seite ziemlich nervenaufreibend, aber auf der anderen Seite finden meine Sitznachbarin und ich gefallen daran dem jeweils anderen etwas Angst zu machen und der Show des Stewardessen zu lauschen. Es ist mit Abstand die amüsanteste Etappe, die ich in meiner ganzen Karriere gefahren habe. Während bei der Lufthansa alles einem geregelten Ablauf folgte und man das Entertainmentprogramm mit seinem persönlichen Fernseher genießen konnte, zieht die Einmann Crew der Stewardessen bei diesem Flug kurzerhand ihre eigene Show ab. Ob er die Bedienung der Schwimmwesten pantomimisch erklärt oder einfach nur Tomatensaft ausschenkt, jedem ist klar, dass an ihm ein Hollywoodstar verloren gegangen ist.
Letztendlich rücken jedoch alle Turbulenzen und Widrigkeiten in den Hintergrund, als uns am finalen Zieleinlauf der wohl schönste Sonnenuntergang erwartet, den ich je gesehen habe. War die Sonne noch vollständig zu sehen, als wir zum Landeanflug ansetzten, verschwand der feuerrote Ball am Horizont hinter den Bergen des Hochlandes binnen weniger Minuten gänzlich. Es scheint als habe jemand dieses Naturspektakel für uns vorbereitet. Ich denke ja, dass es Teil der Inszenierung des Stewardess war. Er muss Schauspieler, Bühnenbildner und Regisseur in einem sein. Fantastisch.

Als sich alle Augen wieder auf den finalen Zieleinlauf fokussieren, scheine ich den längsten Atem zu haben. Ich setze zu einem unwiderstehlichen Schlusssprint an, als mich meine gute Freundin, die Willkür, plötzlich daran hindert als erster die Ziellinie zu überqueren. Das Gefühl, welches ich dabei empfand, kann nur jemand nachvollziehen, der schon mal bei dem Nintendo-Spiel „Super Mario Kart“ als führender kurz vor Schluss von der blauen Schildkröte mit den Flügeln erwischt und dadurch auf den letzten Rang durchgereicht wurde, während einem schon die Menge zujubelte. Was war passiert?
Kurz bevor man den Transitbereich des Flughafens verlassen darf, ist man dazu angehalten auf einen ominösen roten Knopf zu drücken. Dieser wählt nach einem Algorithmus stichprobenartig Reisende aus, die noch einmal einen Kofferstrip hinlegen dürfen. Offenbar gefiel ich diesem Algorithmus so gut, dass er sich für mich entschieden hat- das Licht leuchtete rot auf.
Also mussten alle Koffer aufgemacht und sämtliche Taschen durchsucht werden. Bereits im Flugzeug musste man ein Dokument ausfüllen, auf dem man bestimmte Waren deklarieren musste, die man einführen möchte. Neben Waffen, Tieren und Geld im Gegenwert von 10.000 US Dollar stand auch Essen auf dem Zettel. Natürlich musste man überall „Nein“ ankreuzen, damit man nicht einer Spezialbehandlung unterzogen wird. Das habe ich auch getan. Tatsächlich habe ich jedoch in diesem Moment 1,5 Kilogramm Knusper-Müsli dabei. Das Lieblingsmüsli meiner Mentorin sollte als Geschenk dienen, ist theoretisch jedoch Schmuggelware. Von den angespannten Sicherheitsleuten darauf angesprochen, moderiere ich die Situation jedoch, indem ich ihnen den Sachverhalt schildere. Aus dem bedrohlichen Röntgenlick von Herrn Espinoza wird ein Lächeln.

Schlussendlich passiere ich die Ziellinie als letzter, aber werde von den Verantwortlichen der Aufnahmeorganisationen so herzlich willkommen geheißen, dass die Platzierung nicht mehr von Bedeutung ist.

Nach der kurzen Willkommenszeremonie fährt mich mein „Chef“ Ricardo mit seiner Freundin in seinem knallroten Opel Corsa zu meiner Wohnung. Während das Auto vollgestopft ist mit sämtlichen Koffern der Freiwilligen halten wir etwas Smalltalk. Wir fahren sehr lange durch die mit Straßenlaternen beleuchteten Straßen und Gassen auf der Suche nach der richtigen Adresse. Ich versuche indes schon mal einen kleinen Eindruck von der riesig erscheinenden Stadt zu gewinnen. Mir fallen die großen Werbetafeln neben der Straße, die uns vom Flughafen ins Zentrum führt, auf. Während durch die Boxen des fliegenden Corsas die bekannten Melodien der Red Hot Chilli Peppers schallen, wirkt das was ich durch die kleine Luke von der Rückbank aus wahrnehme eher unbekannt und irgendwie anders als ich es gewohnt bin. Mir stechen prunkvolle Kolonialbauten ins Auge, die neben teilweise heruntergekommenen Mehrfamilienhäusern stehen.Die Stadt ist wie ein Schachbrett aufgebaut. Die Straßen stehen immer senkrecht aufeinander. Wer schon mal in den USA war, wird sich daran erinnern. Jedoch ist „meine Straße“, die „Leandro Valle“, so ziemlich die einzige Straße, die sich nicht an dieses Ordnungsschema hält. Deswegen finden wir sie nicht direkt. Als wir die Einfahrt in die düster wirkende Nebenstraße finden, sind wir alle sehr erleichtert.

Nachdem ich vorsichtig an der Stahltür des orongenn Hauses klopfe, öffnet sich die Tür ganz langsam einen Spalt weit. Direkt springt mir ein riesengroßer Hund,eine Deutsche Dogge wie sich später herausstellt, entgegen und schlabbert mir quer durchs Gesicht. So habe ich mir das gewünscht..
Im Inneren warten die anderen Mitglieder der WG bereits auf mich und heißen uns Willkommen. Marfer, die Vermieterin und gleichzeitige Bewohnerin der WG zeigt uns das im Kolonialstil daherkommende Haus und führt mich in mein Zimmer.
Es wirkt wie eine kleine Kathedrale, da die Deckenhöhe mindestens 5 Meter misst und der Raum noch relativ dünn möbliert ist.

Ich bin inzwischen sehr müde, jedoch muss ich noch auf Luisa warten, ebenfalls eine Freiwillige, die sich auch ein Zimmer in der WG sichern konnte. Jedoch ist ihr Zimmer noch nicht bezugsfertig und sie hat fürs erste bei mir Asyl beantragt. Ich habe ihr eine Duldung gewährt.
Als ich mich mit den Bewohnern im gemeinsamen Aufenthaltsbereich der Wohnung unterhalte, ziehen zwei los um für ausreichende Getränkeversorgung der Beteiligten zu sorgen. Auch ich ordere ein Bier, da ich denke, dass sie dies von mir erwarten. Nach kurzer Zeit treffen Luisa und die beiden Jungs ein. Während Luisa die Wohnung aufgetischt bekommt, bekomme ich eine 1,2 Liter Flasche „Victoria-Bier“. Wir sind beide etwas überrumpelt.
Nach eineinhalb Stunden hissen wir dann die weiße Flagge und legen uns in unsere Kojen.

Der Tag endet für mich, wo er angefangen hat: in meinem Bett.
Der Unterschied ist nur, dass ich mich circa 10.000 Kilometer in südwestlicher Richtung befinde.

iHasta luego!

Nils

I iHola! Me llamo Nils

und ich möchte meinen Blog mit einer kleinen Geschichte beginnen:

Es waren einmal ein Frosch und ein Fisch, die in, beziehungsweise an einem kleinen Teich lebten. Als der Frosch von einer großen Reise zurückkehrte, erzählte er dem Fisch von seinen Erfahrungen:

Wo bist du gewesen?, fragte der Fisch aufgeregt.

Ich bin an Land gewesen, sagte der Frosch. Ich bin überall herumgehüpft und ich habe ganz seltsame Sachen gesehen.

Was denn?, fragte der Fisch.

Kühe sagte der Frosch. Sie haben vier Beine, Hörner, fressen Gras und tragen rosa Säcke voll Milch.

Fisch_kuehe

(aus: Lionni, Leo; Fisch ist Fisch; Middelhauve Verlag; München 1984)

Um im Bild zu bleiben, ich bin eine 19 Jahre alte Kaulquappe, die sich nun dazu entschieden hat, ein Frosch zu werden. Die Kiemen, die es mir erlauben, in meiner gewohnten Umgebung zu überleben, funktionieren gut und ich fühle mich im Teich wie ein Fisch im Wasser. Mir sind jedoch während der Kaulquappen-Abiturprüfung im Frühsommer Hinterbeine gewachsen. Das ist durchaus üblich für uns Kaulquappen, denn damit beginnt die Metamorphose zum vierbeinigen Landtier. Der Mut (oder Übermut), den mir diese Hinterbeine geben, trägt mich nun für ein Jahr nach Mexiko und ich will alle Fische, die sich dafür interessieren, mit meinem Blog auf dem Laufenden halten. Um jedoch abspringen zu können, benötige ich noch Vorderbeine, denn Mut allein hat noch keine Kaulquappe zum Hüpfen gebracht.

Die vielen, vielen Hürden samt der Bewerbung, den Behördengängen, Impfungen und Telefonaten, den unzähligen Dokumenten, die über meinen Schreibtisch wanderten und dem Vorbereitungsseminar ließen mich lernen, zu hüpfen. (Anm. d. Red.: Nils hat seit seiner Zusage am 10. Juni genau 169 E-Mails versendet und empfangen. Dies sind wohl mehr als dreimal so viele als in seinem ganzen Leben zuvor.) Jedoch habe ich noch lange nicht den Sprung nach Mexiko geschafft, denn das wahrscheinlich Schwierigste, der Abschied, steht mir noch bevor.

Auch wenn ich bereits aus meinem ruhigen, sumpfigen Gewässer einige Blicke auf das Leben als Frosch erhaschen konnte und nicht leugnen kann, dass mir diese gefielen, wird mir der Abschied alles andere als leicht fallen. Am Ende scheint der Absprung selbst schwieriger zu sein, als über die Hürde zu kommen.

Währenddessen sind mir doch tatsächlich unbewusst kleine Vorderbeinchen gewachsen. Ein Stück selbständiger, reflektierter, organisierter (Anm. d. Red.: Dies trifft jedoch nicht auf seinen Kleiderschrank zu), problembewusster und sensibler scheine ich geworden zu sein.  Mit dazu beigetragen hat das Vertrauen vor allem meiner Familie, welches mir von Beginn an gegeben wurde und immer noch wird.

Nicht verheimlichen möchte ich dabei auch die tatkräftige Unterstützung, welche meine Eltern und Brüder geleistet haben. Vielen Dank an dieser Stelle!

Auch wenn ich nun springen kann, bin ich nicht automatisch in der Lage zu landen.

Als nächste Entwicklungsstufen sollten mein Mund in die Breite wachsen und sich der noch für Kaulquappen typische Ruderschwanz mit Flossensaum zurückbilden. Ich muss also lernen, mich in einer neuen Sprache zu verständigen. Ich muss die Sprachbarriere durchbrechen. (Anm. d. Red. Es stellt sich heraus, dass in Mexiko Spanisch gesprochen wird.)

Der Ruderschwanz symbolisiert meine Ängste. Es sind Ängste, die wohl keiner leugnen kann, der sich zu einem vergleichbaren Schritt entscheidet. Hier kommen die Vorurteile und Stereotypen ins Spiel. Dazu möchte ich eine kleine Anekdote erzählen:

Die Szene:

Meine Oma ist etwas schockiert als sie davon gehört hat, dass Joaquín “El Chapo” Guzmán (der oberste Chef des Sinaloa Kartells, eines mexikanischen Drogenkartells; er gehört zu den meistgesuchten Personen in Mexiko und in den USA) aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano bei Mexiko-Stadt ausgebrochen ist. Geflohen ist er wohl durch einen 1500 Meter langen Tunnel mit Belüftungssystem, Beleuchtung, Sauerstoffvorrat und einem umgerüsteten Motorrad auf Schienen, das den Schutt aus dem ausgehobenen Stollen transportierte. Dass Korruption bei dem Ausbruch eine übergeordnete Rolle gespielt habe muss, scheint klar. Die Verflechtungen zwischen organisierter Kriminalität und der Polizei sowie der politischen Ebene sind eng.

Als ich zum Mittagessen vorbei komme, ist meine Oma sehr aufgewühlt und will mich offenbar davon überzeugen, doch nicht nach Mexiko zu gehen.

Oma:

Hör mal, Nils, ich habe gestern in den Nachrichten gesehen, dass dieser Drogenbaron, “El Chapo”, aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Durch einen riesigen unterirdischen Tunnel soll er geflohen sein. Als ob die Bewacher nichts davon mitbekommen hätten! Die haben doch sicher an der Sache mitverdient. Bist du dir sicher, dass du da hingehen willst? Das ist doch zu gefährlich! Ich wollte du wärst schon wieder gesund zurück.

Nils:

Ich verstehe deine Ängste aber, aber nicht jeder Mexikaner ist ein Drogenhändler oder Schwerverbrecher. Das ist ein Vorurteil. Wie bei jedem Ausbruch, ist sicher bei dem Ausbruch nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, aber es sind sicher auch nicht alle Beamte dort korrupt. Natürlich ist es in Mexiko gefährlich und ich muss sehr auf mich aufpassen. Allerdings bin ich gut vorbereitet worden und habe in der Stadt, in die ich gehe, Ansprechpersonen, die für mich da sind. Sie geben mir Tipps, welche Gegenden ich eher meiden sollte und worauf ich zu achten habe. Mach dir nicht solche Gedanken, Omi!

Die beschriebene Szene hat sich mit einem vergleichbaren Dialog tatsächlich abgespielt. Sie zeigt sehr gut, dass wir Menschen Ängste haben und aus diversen Informationen, die wir erhalten, Stereotypen und Vorurteile kreieren, um die Welt einfach zu halten.

Dies geschieht, weil wir die Welt nicht in ihrer ganzen Komplexität erfassen können. Ich denke jedem von uns ist klar, dass nicht jeder Mexikaner kriminell oder ein Drogenboss ist. Jedoch kann auch ich nicht von der Hand weisen, dass ich gewisse Ängste, Stereotypen und Vorurteile in meinem Rucksack habe, den ich nach Mexiko mitnehmen werde. Die Bedrohungslage ist eventuell nicht tatsächlich so wie sie von meiner Oma skizziert wurde, jedoch besteht sie allein schon deshalb, weil sie für sich die Bedrohungslage so konstruiert hat. Dadurch ist sie für sie ganz real, fassbar. Sie hat reale Ängste und erkennt Gefahren vor denen sie mich offensichtlich beschützen möchte. Ich trete ihr in der Szene entgegen und relativiere ihre Einschätzungen und Vorstellungen, um sie zu beruhigen. Ich versuche ihr keinen Anlass zur Sorge zu geben und spiele die Probleme des Landes herunter.

Jedoch habe ich auch ich diese Ängste. Sie sind da. Auch wenn ich mich dagegen streube und alles relativiere, habe auch ich Stereotypen und Vorurteile im Kopf. Sie sind existent und ich muss erkennen, dass ich sie habe, bevor ich anders mit ihnen umgehen kann, statt sie zu verdrängen. Das ist nämlich auf Dauer ungesund.

Diese Ängste und Vorurteile verändern sich, laut meinem Aquaruistikhandbuch, und weichen einer Offenheit, dem großen Unbekannten entgegenzutreten. Es wird die Zeit kommen, in der ich sehe, dass ich mich nicht mehr an Ängste und Vorurteile klammern sollte. Und endlich den Menschen offen gegenübertreten kann. Ob meine Vorurteile dabei ganz verschwinden werden, oder ob ich  möglicherweise nur neue entwickele, kann ich noch nicht sagen.

Aber was bringt mir ein Ruderschwanz außerhalb des Wassers? – Er stört beim Hüpfen.

Bis zur vollständigen Selbständigkeit und dem Erwachsenwerden, welches ich mit dem Begriff der Unabhängigkeit gleich setze, dauert es nun noch so lange, bis sich der Ruderschwanz gänzlich zurückgebildet hat und ich nur noch mit meiner eigenen Lunge atme.

Dann bin ich bereit für das “echte, raue Leben” als “erwachsener Frosch”.

Ich habe mich zu dem Schritt eines Freiwilligendienstes bei Amnesty International Mexiko entschieden, da ich aus meiner gewohnten Umgebung und meiner Komfortzone heraustreten will und die Lebensrealitäten von Menschen im globalen Süden.* kennenlernen möchte. *(Begriffsdefinition am Ende des Textes) Ich kann meinen Horizont über den Teich Europa hinaus erweitern, in neue Gefilde eintauchen – und einfach lernen. Mir wird ein tiefer Einblick in die Arbeit einer Menschenrechtsorganisation gewährt und außerdem kann ich ein kleines Zahnrad bei der Wahrung und Durchsetzung der Menschenrechte in Lateinamerika sein. Keine schlechte Perspektive, wie ich finde.

Mittels dieses Blogs möchte ich allen interessierten Fischen, Kaulquappen und Fröschen die Möglichkeit geben, mich auf meinem Abenteuer zu begleiten. Ich will meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen, welche ich bei der Arbeit und beim Leben und Entdecken des Landes gewinnen darf, mit Euch teilen. Dabei versuche ich, auf Stereotypisierungen zu verzichten und so vorurteilsfrei wie es mir möglich ist, zu berichten. Dies wird mir nicht immer gelingen und alle Beiträge werden subjektiv durch mein jetziges Bild von Mexiko gefärbt sein. Immerhin komme ich aus dem europäischen Teich und habe schon das ein oder andere über die anderen Teich gehört. Man sagt sie seien dreckiger, aber wärmer. Wenn man trotz der Verschmutzung noch Nahrung findet, kann es schön sein, haben sie gesagt.

Meine Darstellungen können zu keiner Zeit die realen Gegebenheiten und schon gar nicht “das Leben in Mexiko” in seiner Vollständigkeit und den vielen verschiedenen Facetten des Landes oder gar die Lebensbedingungen der einzelnen Menschen wiederspiegeln. Dies ist zum Einen darauf zurückzuführen, dass ich aus meiner privilegierten Perspektive als europäischer Freiwilliger heraus berichte und zum Anderen, dass das Land für mich keine “tabula rasa” ist. Wenn ich mich an meinem neuen Teich niedergelassen habe, werde ich alles erlebte immer wieder unbewusst mit Bekanntem verknüpfen und so über eine Art Filter aufnehmen. Folglich verfälsche ich. Dessen musst Du Dir im Klaren sein, wenn Du meinen Blog liest und hoffentlich dann auch folgst. 🙂

Ich habe durch meine Position als “Experte” des Landes eine relative Machtposition gegenüber meinen Lesern, genauso wie der Frosch gegenüber dem Fisch in der obigen Geschichte. Ich schaffe durch meine Beiträge ein neues oder zumindest ein leicht verändertes Bild von Mexiko. Ich konstruiere eine gewisse Realität, welche die Meisten von euch nicht überprüfen können, da wohl das Gros in ihrem Leben Mexiko nicht mit eigenen Augen sieht.

Aufgrund dessen trage ich eine große Verantwortung, der ich gerecht zu werden versuche. Denn ich möchte nicht, dass Du in Deinem Kopf ein derart verqueres Bild zeichnest wie der Fisch von der Kuh.

Der Titel des Blogs bezieht sich auf die Zeichentrick-Maus Speedy Gonzales. Speedy Gonzales, dessen Erscheinungsbild mit Sombrero und rotem Halstuch an einen mexikanischen Freiheitskämpfer erinnert, ist eine Figur aus der Serie Looney Tunes von Warner Bros.

Die Zusammenstellungen der Speedy-Gonzales-Filme liefen im deutschen Fernsehen unter dem Titel Die schnellste Maus von Mexiko. Insgesamt wurden 46 Filme mit der Figur veröffentlicht. In den meisten Folgen wird Speedy vom Kater Sylvester, der hier auch Gringo genannt wird, gejagt. Ab 1960 ist oft auch Daffy Duck der Antagonist der mexikanischen Maus. Speedy kann in der Regel vor seinen Verfolgern wegrennen und sie austricksen. 1999 wurde die Figur jedoch von Cartoon Network auf Eis gelegt, da sie rassistische Stereotype bediene. Das betrifft besonders die anderen mexikanischen Mäuse aus den Cartoons – etwa Speedys Cousin, Slowpoke Rodriguez, – die im Gegensatz zur aufgeweckten Maus Speedy oftmals als langsam, dumm und faul dargestellt werden. Die Bedienung rassistischer Stereotypen über Mexikaner schaffte und zementierten durch die Macht der Wiederholung bei den Zuschauern unbewusst ein Bild des typischen Mexikaners”: Faul, dumm und stets hungrig – Das sind sie, die Mexikaner, und langsam sind sie noch dazu!”

Um noch einmal auf die obige Geschichte zurückzukommen, die Macher der Serie sind der Frosch, der dem Fisch eine Geschichte erzählt. Die Figur Slowpoke Rodriguez ist zwar ebenfalls eine Maus, aber sie nimmt die Rolle der Kuh ein. Der Zuschauer ist hier der Fisch. Er konsumiert und schafft sich von den Erzählungen des Frosches (Macher des Zeichentrick) ein Bild des klassischen Mexikaners (Kuh beziehungsweise Slowpoke Rodriguez).

Exemplarisch gebe ich Dir hierzu die Episode 11 mit dem Titel Mexican Borders” an die Hand:   

https://www.youtube.com/watch?v=LY3gJRvoMms  (englischsprachig)

(Anm. d. Red.:  2010 wurde ein Speedy Gonzales Kinofilm angekündigt, der allerdings mit der rassistischen Darstellung der Figur der Fünfzigerjahre nichts zu tun haben soll.)

In meinem Blog  möchte ich nicht nur Erfahrungsberichte schreiben, sondern auch Denkanstöße liefern, die Dich für das ein oder andere Thema sensibilisieren oder zu weiterführenden Fragen und Diskussionen leiten.  Ich lade Dich recht herzlich dazu ein, meinem Blog zu folgen und mit mir in Kontakt zu treten. (Auch gerne über die Kommentarfunktion am Ende jedes Beitrages.) Meine Beiträge und Anstöße erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und können Fehler enthalten. Sie werden teilweise bewusst provozieren, um den ein oder anderen Gedankengang auszulösen.

In diesem für mich sehr inspirierenden Video beschreibt Chimamanda Ngozi Adichie die Gefahr einer “Single Story” sehr anschaulich. Es ist zwar auf Englisch, jedoch mit einem deutschen Untertitel versehen.

https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg

Geschichten sind wichtig, viele Geschichten sind wichtig.

Geschichten wurden benutzt, um zu enteignen und zu verleumden.

Aber Geschichten können auch dazu verwendet werden, um zu befähigen und zu humanisieren. 

Geschichten können die Würde eines Volkes brechen.

Aber Geschichten können die gebrochene Würde auch wieder herstellen.

(…)

Ich möchte gerne mit diesem Gedanken enden:

Dass wir, wenn wir die Single Story ablehenen, wenn wir realisieren, dass es niemals nur eine einzige Geschichte gibt, über keinen Ort, dann erobern wir ein Stück vom Paradies zurück.

                                                                   Chimamanda Ngozi Adichie

¡Hasta luego!

Dein lieber Frosch, Nils

*Mit dem Begriff Globaler Süden wird eine im globalen System benachteiligte gesellschaftliche, politische und ökonomische Position beschrieben. Globaler Norden hingegen bestimmt eine mit Vorteilen bedachte, privilegierte Position. Die Einteilung verweist auf die unterschiedliche Erfahrung mit Kolonialismus und Ausbeutung, einmal als Ausgebeutete und einmal als Profitierende.

Die Einteilung Süd und Nord ist zwar auch geografisch gedacht aber nicht ausschließlich. Australien gehört beispielsweise genau wie Deutschland mehrheitlich dem Globalen Norden an, aber es gibt in beiden Ländern auch Menschen, die Teil des Globalen Südens sind, zum Beispiel Aborigines in Australien oder Menschen, die am Existenzminimum leben. Andererseits gibt es auch in Ländern des Globalen Südens Menschen, die die Privilegien des Globalen Nordens genießen, zum Beispiel Angehörige der herrschenden ökonomischen und/oder politischen Klasse.

Mit dem Begriffspaar wird versucht, unterschiedliche Positionen in einem globalen Kontext zu benennen, ohne dabei wertende Beschreibungen wie z.B. „entwickelt“, Entwicklungsländer“ oder „Dritte Welt“ zu benutzen.

Definition in Anlehnung an Glokal e.V., 2012